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So langsam entspannt sich unsere Lage wieder etwas, aber was in den letzten Wochen passiert ist, war so spannend, dass uns gelegentlich fast die Sicherungen durchgebrannt sind. Gefühlt haben wir die Hälfte der Zeit bei unfähigen Mechanikern verbracht, die zwar ganz tolle „Schrauber“ sind, aber auch genauso große Schlamper. Werkstatt 1 sollte nur einen Service (Filter, Öle, blablabla …) machen. Stattdessen geht eine Pumpe während der Reparatur kaputt, und das können sie scheinbar nicht selbst reparieren, also werden wir in Werkstatt 2 geschleppt. Hier bleibt er 5 Tage. In dieser Zeit schauen wir uns die wundersam europäisch anmutende Stadt Almaty an und genießen gutes internationales Essen, aufgeschlossene Kasachen und hippe Cafés. Kaum zu glauben, dass man fast nach China rüberspucken kann! Eine Oase!

Mit einer Seilbahn fährt man in Almaty hoch auf den Hügel Kok Töbe. Schöne Aussicht über die Stadt und schneebedeckte Berge im Hintergrund.

Green Market Almaty

Safran für wenig Geld

Dann geht es endlich los. 2800km bis zur russischen Grenze … das Land ist irre groß. Die Stadt Almaty auch. Steffen steuert uns über eine Stunde durch den dichten Verkehr. Hochkonzentriert auf den selbstmörderischen Fahrstil der Kasachen bemerken wir erst weit außerhalb der Stadt, dass unser Tacho gar nicht mehr geht! Weder die Geschwindigkeitsanzeige noch der Kilometerzähler. Es fängt an zu regnen. Der Scheibenwischer tut aber auch nicht mehr. Dafür tropft es durch unser Dachfenster, das wir immer noch nicht abgedichtet haben. Na prima.

Wir ärgern uns über die Schlamperei von Werkstatt 2, haben aber keine Lust und auch keine Zeit, zurückzufahren und nochmal 2 Tage in Almaty zu verweilen. Das russische Visum ist ein mit Datum festgelegtes Transitvisum. Und mit den Russen spaßt man nicht.

Also weiter.

Warum nicht mal mit dem Pferd auf die Autobahn …

Das ewig gleich Bild, sobald man mal Richtung Westen fährt. Steppe. Sonst nix.

Nächster Stopp ist das Städtchen Turkistan, in dem sich ein letztes großes Überbleibsel aus den Zeiten der historischen Seidenstraße befindet. Ein Mausoleum. Das lenkt uns ein bisschen ab.

Mausoleum Turkistan – das letzte sehenswerte Relikt aus den Zeiten der historischen Seidenstraße.

Kamel

Kamel vor Moschee

Kamele im Sonnenuntergang

Als wir am nächsten Morgen den Motor starten, hören wir ein Rasseln vorne am Auto. Hm. Komisch. Es legt sich während der Fahrt. Wir haben auch das Gefühl, dass das Auto eine leichte Unwucht hat und düsen daher langsamer als sonst einige hundert Kilometer durch die kasachische Steppe. Plötzlich knackende und malmende Geräusche. Steffen kann das Auto auf einmal kaum mehr lenken. Panisch steuern wir den nächsten Parkplatz an und tun das, was jeder macht. Mal unters Auto schauen. Mal die Kühlerklappe auf. Mal langsam fahren, während der andere von außen beobachtet.

Dumm wie die Schildbürger stehen wir da und haben keine Ahnung, was los ist. Steffen verdächtigt grundsätzlich pauschal immer die Kardanwelle, von der ich mittlerweile sicher weiß, dass man sie nicht surfen kann. Er schlägt vor, sie auszubauen. WAS? Ich frage, wie lang er dafür braucht. 3-4 Stunden, sagt er. Oh mein Gott, alles, nur nicht das. Es ist heiß. Wir sind mitten in der Steppe. Aber: Die Straße ist stark befahren, daher erwäge ich Plan B, der da heißt, mich in einem hübschen Kleidchen an die Straße zu stellen, um einen Trucker zum Stoppen zu bringen, der uns abschleppen kann.

Bevor es so weit kommt, probieren wir es aber noch mit der allseits bewährten 8er-Methode. Wir fahren so lange 8er auf dem Parkplatz, bis das Malmen schließlich aufhört. Aha. Cool. Vielleicht nur ein Steinchen gewesen, das jetzt rausgefallen ist. Whatever. Wir können nur raten.

Weiter geht’s. Wir wollen nämlich den Raketenstart im Kosmodrom Baikonur nicht verpassen. Das ist ein Weltraumbahnhof. Klingt mega, oder? Weltraumbahnhof … wann kommt man da schon mal vorbei?

Leider dürfen wir nicht bis ins Innere des Kosmodroms hinein, dafür hätte es eine Vorlaufzeit von 1-2 Monaten gebraucht, um den Papierkram zu erledigen. Egal, aus 18km Entfernung beobachten wir zusammen mit einigen anderen Reisenden aus Deutschland das 2-minütige Spektakel und schlagen anschließend zusammen unser Nachtlager in der Steppe auf. Das hat auch den Vorteil, dass wir uns über unsere Kfz-Probleme austauschen können – und feststellen, dass alle mal Probleme haben. Etwas beruhigter fahren wir weiter.

Raketenstart zur ISS vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan

Die Deutschen reisen einfach gerne. Obwohl wir Fremde sind, genießen wir den gemeinsamen Abend in der Steppe alle sehr.

Nächster Stopp ist der nicht vorhandene Aralsee. Es ist so ein trauriges Bild, dass wir hier nicht lange bleiben. Die Russen haben hier vor langer Zeit Wasser abgeführt und damit so stark in die Natur eingegriffen, dass ein ganzer See verschwunden ist.

Der einstige Aralsee in Kasachstan

Gemächlich fahren wir mit unserem unwuchtigen Auto weiter und steuern in der nächsten großen Stadt (Aktöbe) Werkstatt 3 an, um mal nach dem Rechten sehen zu lassen, weil wir ja diese Unwucht spüren. Es werden beide Hinterreifen abmontiert. Und beide weisen einen ellenlangen Riss auf, so dass man sogar den Draht im Reifeninneren sieht. Upps. Die wechseln wir mal besser. Vermutlich ein Ergebnis der teuflisch schlechten Straßen von Tadschikistan damals.

Da hier nur Reifen montiert werden, müssen wir wegen des anderen Problems (dem Malmen) in Werkstatt 4. Die Jungs erinnern mich mehr an grobe Schlächter, als an Mechaniker. Die hauen auf unser Fahrgestänge ein, dass uns echt anders wird. Immerhin stellen sie fest, das unser rechtes Antriebswellengelenk 3 Risse hat. Gar nicht gut. Es wir ein Ersatzteil Marke „Opel“ beschafft, weil von Fiat nichts da ist. Man garantiert uns, dass wir damit heim kommen. Wir hoffen. Aber wir glauben nicht.

Wir kommen gut über die russische Grenze und nisten uns im hübschen Samara ein.

Hipster-Café in Samara

Erstaunlich hübscher Stadtstrand an der Wolga in Samara

Die erste Fußgängerzone seit langer Zeit

Hier erleben wir das WM Eröffnungsspiel und sind erstaunt, wie zurückhaltend die Russen feiern. Keine Schlachtrufe, keine Gesänge. Dann grölen wir halt ein bisschen.

Maxim Gorky Theater

Eine Sache steht immer noch aus: die Beschaffung des originalen Ersatzteils (Antriebswellengelenk), und siehe da, hier hilft man uns in Rekordzeit weiter. Der Chef persönlich telefoniert, googelt, kümmert sich. Nach 12 Stunden ist das Teil da. Werkstatt 5 ist die mit Abstand sauberste, organisierteste und professionellste, die wir auf der Reise gesehen haben.

Der zweite längere Stopp innerhalb Russlands findet in Woronesch statt. Hier gibt es Public Viewing und wir können das Deutschlandspiel sehen. Was es allerdings nicht gibt, ist Bier! Verboten! In Deutschland undenkbar unter Fußballfans.

Und dann heißt es, zügig zur Grenze, bevor das Visum abläuft.

Es wird nochmal eine richtig ätzende Grenzkontrolle. 3 Stunden hält man uns fest, röntgt die Karre, befragt uns. Kein Wunder bei den vielen Stempeln im Pass und diesem Gefährt.

Aber schließlich sind wir durch. Wir sind in der Ukraine angekommen und damit nur noch 2 Länder von Deutschland entfernt.

Theoretisch.